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InsurTechs beweisen Versicherungs-Know-how

Produkteinführungen der InsurTechs
Der größte Teil der InsurTechs hat seinen Angebotsfokus im Bereich der privaten Kompositversicherungen (Schaden-/Unfallversicherungen), die als weniger komplexe Versicherungsbereiche gelten. Lange wurden den digitalen Neugründungen Produkteinführungen in komplexeren Versicherungssparten schlichtweg nicht zugetraut. Grund dafür ist sicherlich die Vermutung, ihnen würde das nötige Versicherungs-Know-how fehlen.

Dies war allerdings eine Fehleinschätzung
Immer mehr InsurTechs bieten heute immer mehr Versicherungsprodukte in komplexeren Sparten an. Aktuell bringen 40 Anbieter fast 90 Produkte in über 20 Produktkategorien in den Markt, u. a. in der Gewerbeversicherung, in der Krankenversicherung und in der Altersvorsorge. Wie geht diese Entwicklung weiter – und bleiben die Industrieversicherung und die Rückversicherung weiterhin „zu komplex“ für InsurTechs?

Analyse

Vom Startschuss bis zur Omnipräsenz

Für unsere Analyse haben wir uns 40 heute aktive Anbieter von Versicherungsprodukten in der DACH-Region genau angeschaut. Darunter 11 Neo-Versicherer und 29 Assekuradeure/Vermittler. Seit 2015/2016 nimmt die Anzahl der Produkteinführungen sprunghaft zu. Seitdem bieten immer mehr InsurTechs immer größere Produktportfolios an.

Quelle: zeb.research
Verständnis

Was sind Assekuradeure?

Assekuradeure sind Versicherungsvermittler, die Teile der Wertschöpfungskette eines Versicherers übernehmen und meist mit eigens konzipierten Produkten unter eigener Marke in den Markt gehen. Im Hintergrund agiert ein Versicherer als Risikoträger. Neo-Versicherer hingegen verfügen über eine Zulassung als Erstversicherer und dürfen Risiken selbst zeichnen.

Analyse

Digitale Player in umfassenden Produktkategorien

Das Produktportfolio wird breiter. Zwar dominieren immer noch ganz klar die privaten Kompositprodukte – allen voran die Hausratversicherung und Privathaftpflicht –, dennoch bieten InsurTechs mittlerweile Produkte in nahezu allen Versicherungszweigen. Angebote für Privatkunden liegen allerdings eindeutig vorn. Erst seit 2018 bieten erste Anbieter Deckungen im gewerblichen Kompositbereich. Mit insgesamt fast 90 Produkten in über 20 Produktkategorien haben sich die Produktanbieter unter den InsurTechs im Markt erfolgreich etabliert.

Quelle: zeb.research
Case Studies

Die Wagemutigen

InsurTechs können nicht nur die einfachen Produkte, wie die folgenden Beispiele zeigen. Immer mehr versuchen neue digitale Angebote in komplexen Versicherungsbereichen zu positionieren.

ottonova – Krankenversicherung

Gegründet 2015 erhielt ottonova 2017 die Bafin-Lizenz und bietet seitdem die „erste digitale Krankenversicherung“ an. ottonova ist bis heute das einzige InsurTech im Markt mit einer privaten Krankenvollversicherung. Weiterhin wurden diverse Krankenzusatztarife lanciert. Aktuell hat ottonova mit rund 100 Mitarbeitern zwar erst 3,5 Mio. EUR Bruttoprämien vereinnahmt (Stand 2019), aber der Anfang ist gemacht.

mailo – Gewerbeversicherung

mailo wurde 2017 gegründet und erhielt 2019 die Bafin-Lizenz. Seitdem bietet es einfache digitale Gewerbeversicherungen für kleine und mittlere Betriebe direkt über die eigene Website und über Makler. Im ersten nicht vollständigen Geschäftsjahr 2019 lagen die Bruttobeitragseinnahmen bei rund 0,5 Mio. EUR. Ende 2020 könnte mailo bei über 10.000 Bestandskunden liegen.

fairr – Altersvorsorge

Gegründet 2013, bietet fairr staatlich geförderte Rentenversicherungen (Riester, Rürup und bAV) an. Die Besonderheit ist, dass auf persönliche Vermittlung verzichtet wird und das Geld in ETFs angelegt wird. fairr kann seine Produkte so zu außergewöhnlich niedrigen Kosten anbieten. In die Kritik geriet fairr mit seinem Bank-Partner SutorBank, als es mitten im Börsencrash im März 2020 in der Corona-Krise aus allen Bestandsverträgen alle Aktien verkaufte und in Cash umschichtete – aus Sorge, die Beitragsgarantie dauerhaft nicht sicherstellen zu können. Ende 2019 soll fairr rund 10.000 Kunden gehabt haben.

Verständnis

Versicherungs-Know-how bei InsurTechs

Lange dachte man bei InsurTech-Gründern an die branchenfremden, kreativen, technikaffinen, jungen Serial-Entrepreneure. Es zeigt sich allerdings, dass bei Neugründungen viele „alte Hasen“ der Branche mitmischen. Fakt ist: Insbesondere die Neo-Versicherer würden ohne diese Expertise gar keine Zulassung der Bafin erhalten. Diese Branchenexperten nutzen nun die Möglichkeiten der „freieren und schnelleren“ InsurTech-Welt, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Die Kombination aus „mitgebrachter Expertise“ und „neuer Arbeitsweise“ gibt den InsurTechs eine ernst zu nehmende Schlagkraft und gestandene Versicherer können sich auf ihrer langjährig aufgebauten Expertise keinesfalls ausruhen.

Analyse

Produkteinführungen im Detail

Die Produkteinführungen der InsurTechs sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Dabei gilt 2018 als Rekordjahr mit 25 Produktneueinführungen. Neben weniger komplexen Produktsparten wagen sich einzelne Player jetzt auch in komplexere Produktdimensionen wie z. B. Kranken- und Lebensversicherungen vor.

 

2018 gilt als Rekordjahr mit 25 Produkteinführungen durch InsurTechs

 

Wie geht es weiter?
Einige InsurTechs planen den radikalen Ausbau ihrer Produktpalette, u. a. will ONE ein Vollversicherer werden und alle wichtigen Produktsparten abdecken. Auch Neodigital plant das künftige Angebot um Produkte wie Kfz- und Rechtsschutzversicherungen zu erweitern. Fest steht: Die Ausweitung der Produktpaletten der InsurTechs wird weitergehen. Der Trend zeigt klar auf, dass InsurTechs sich nicht auf die „einfachen“ Produkte beschränken werden. Viele Bereiche wie die Industrieversicherung und die Rückversicherung dürfen sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Neugründungen werden immer mutiger und der Trend zeigt: Versicherungs-Know-how kann eingekauft und aufgebaut werden.

Anzahl der Produkteinführungen nach Kategorien in den letzten 12 Jahren

Quelle: zeb.research
Interview

Externer Blick

Alexander Grimm, COO von Getsafe, über den Ausbau des Produktportfolios bei InsurTechs.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch „sichere Häfen“ in der Versicherungsbranche, in die sich keine neuen Player vorwagen?

Die Versicherungsbranche steht vor einem Umbruch, da sich zum einen Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten von jungen Menschen drastisch verändert haben und zum anderen Technologie völlig andere Möglichkeiten zur Vereinfachung von Prozessen/Nutzung von Daten bietet. Dies betrifft alle Bereiche der Versicherung (Vertrieb, Betrieb, Risikomanagement) und alle Sparten (Sach, Kranken, Leben). Neben digitalen Vollanbietern (Getsafe, Lemonade, Next Insurance) gibt es zahlreiche B2B-Player, die sich auf Teile der Value Chain spezialisiert haben.

Die meisten InsurTechs bieten einfache, private Kompositprodukte an. Ist es nur eine ganz normale Entwicklung, auf dem Weg zum Vollanbieter mit den „einfachen“ Produkten anzufangen?

Die Beobachtung ist richtig – Player, die mit zu komplexen Produkten angefangen haben (ottonova, Getsurance), haben Wachstumsprobleme. Der Einstieg über einfache Produkte macht daher Sinn, um schnell eine hohe Anzahl von Kunden zu gewinnen und eine hohe Bekanntheit und Vertrauen zu erlangen. Die Entwicklung zum Vollanbieter ist aber möglich und wird sich in den nächsten Jahren Stück für Stück durchsetzen, wenn die Marken etabliert sind.

Welche InsurTechs sehen Sie in Deutschland, die sich zum Vollanbieter entwickeln könnten?

Durch die Spartentrennung in Deutschland erfolgt eine Entwicklung zum Vollanbieter immer schrittweise. Getsafe, das gerade eine Sachversicherungslizenz bei der Bafin beantragt hat, bietet bereits vielfältige Produkte in der Kranken- und Sach-Sparte über die App an – Lebensversicherungen sind in Planung. Daneben hat ONE angekündigt, neben Kompositversicherungen auch weitere (Makler-)Produkte anzubieten.

Wie bewerten Sie das Potenzial von InsurTechs in den komplexeren Produktsparten?

InsurTechs, die nur auf komplexe Produkte gesetzt haben, haben einen überschaubaren Markterfolg gehabt (ottonova, Getsurance) – Anbieter aus den USA (Ladder Life, Oscar Health) zeigen aber, dass ein Erfolg möglich ist. Getsafe verfolgt dagegen einen Multiline-Ansatz mit perspektivisch holistischem Produktangebot, um dem Kunden als Vollanbieter den individuell für ihn oder sie passenden Schutz anbieten zu können.

Zusammenfassung

Welche Schlüsse lassen sich ziehen?

Learning 1

Der Weg zum digitalen Vollanbieter ist weit

Der nächste Schritt für viele InsurTechs wird die Erweiterung der Produktpalette sein. Der Weg allerdings ist weit: Die meisten (30 von 40) der untersuchten InsurTechs haben aktuell erst ein oder zwei Produkte im Angebot. Eine spartenübergreifende Produktpalette zu managen ist ein komplexes Hindernis, das zwar zu überwinden ist, was aber noch lange dauern wird.

Learning 2

Versicherungs-Know-how kann eingekauft und aufgebaut werden

InsurTechs haben es geschafft erfahrene Branchenexperten und Top-Manager aus der Versicherungsbranche zu rekrutieren. Der fachliche, versicherungstechnische Know-how-Vorsprung der Etablierten wird zunehmend abnehmen. Flexibilität und Geschwindigkeit von etablierten Unternehmen ist wichtiger denn je.

Learning 3

Falsche Sicherheit

Der Trend zeigt: Auf Dauer sind eine Unterschätzung der InsurTechs und das ein Sich-sicher-Wähnen in komplexen Produktbereichen ein Trugschluss. Es gibt keinen sicheren Hafen, in dem etablierte Versicherer sich jetzt nicht die Frage stellen müssen, wie sie sich im Wettbewerb mit digitalen Anbietern in Zukunft positionieren wollen.

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